Alles oder nichts:
Haltbarkeit und Informationsgehalt analoger und digitaler Bilder

Klaus Pollmeier 

Analoge und digitale Bilder fotografischen Ursprungs miteinander zu vergleichen ist problematisch. Beide liegen nicht nur in sehr unterschiedlicher Form vor, sondern werden auch in sehr unterschiedlicher Weise verwendet.

In der Silberhalogenidfotografie läßt sich die Abhängigkeit von Lichteinwirkung und resultierender Schwärzung „analog", d.h. in Form einer stetigen Kurve, beschreiben. Je nach Meßgenauigkeit kann so für jeden beliebigen Punkt ein Grauwert ermittelt werden. Unterhalb einer bestimmten Punktgröße macht eine Grauwertbestimmung u.U. jedoch keinen Sinn mehr, da ihr Wert durch das allen analogen Systemen eigene „Rauschen" verfälscht wird. In der klassischen Fotografie ist diese praktische Begrenzung durch das Auflösungsvermögen (s.u.) der jeweiligen Material/Gerätekombination (Kamera/Film/Fotopapier/Verarbeitung ...) gekennzeichnet.

Altert das analoge Bild, verändert sich dessen Schwärzung. Das Foto bleibt zwar als Objekt erhalten, doch seine Qualität verschlechtert sich. Auch jede Kopie zeigt eine schlechtere Bildqualität als das Original, denn das Rauschen des neuen analogen Bildaufzeichnungsverfahrens addiert sich zu dem des Originals.

Bei der Digitalisierung werden die Bildinformationen nur in bestimmten, regelmäßigen Zeitabständen als numerische Werte aufgezeichnet. Die Anzahl der darstellbaren Details (Auflösung) hängt demnach bei digitalen Bildern davon ab, für wieviele Punkte (Pixel oder Dots) pro Flächeneinheit diese Zahlenwerte beim „Scannen" ermittelt werden. In dem einfachen Fall einer rein schwarzweißen Abbildung reicht dabei für jeden Punkt die Information „ja/nein" bzw. „schwarz/weiß" oder, im binären Zahlensystem des Computers, ein Bit (= 21). Nur durch Verdoppeln des Exponenten der Basis 2 erreicht man weitere Darstellungsdimensionen: 22 (2 Bit) = 4 Tonwerte, 24 (4 Bit) = 16, 28 (8 Bit) =256 usw.

Diese (u.U. immens großen) Kolonnen von Nullen und Einsen können durch „Abschreiben" fehlerfrei (der Computer irrt sich nie ...) gespeichert, kopiert, bearbeitet oder versandt werden. Wird jedoch z.B. durch Alterung oder Beschädigung des Datenträgers nur ein Bit mehr, als durch das Rechnerprogramm rekonstruierbar, zerstört, ist das Ergebnis ein nicht mehr verwertbarer Datensalat.

In der Praxis haben wir es meist mit hybriden Systemen zu tun, bei denen analoge Bilder entweder schon in der Kamera oder über einen Scanner digitalisiert, bearbeitet, gespeichert und dann wieder in analoger Form als Bildschirmbild oder „Hardcopy" ausgegeben werden. Somit geht es zum einen um das (vom Menschen lesbare) Bild selbst und zum anderen um die (nur noch maschinenlesbare) gespeicherte Information über ein Bild: Beide Medien sollen auf ihre Haltbarkeit und ihren Informationsgehalt hin untersucht werden.

  1. Analoge, menschenlesbare Bilder: Fotografien, Kinofilm, fotomechanische Drucke, Laserkopien, Tintenstrahl-Ausdrucke, Thermosublimationsdrucke etc.
  2. Analoge, maschinenlesbare Bilder: Videomagnetbänder
  3. Digitale, maschinenlesbare Bilder: Disketten, Festplatten, CD-ROMs, CD-WORMs (z.B. Photo-CDs), Magnetooptische (MO-) Laufwerke etc.

Wie haltbar ist die fotografische Bildaufzeichnung?

Für die einen sollen Fotografien so lange wie möglich überdauern, für die anderen nur so lange wie nötig. Ausschlaggebend für die Haltbarkeit einer Fotografie ist ihre Herstellungsweise, und da zeigt ein Blick in die Geschichte, daß durch einen Wertewandel im Rahmen der Industrialisierung ausgerechnet die Verfahren nicht mehr wettbewerbsfähig blieben, die zu einer äußerst langlebigen Informationsaufzeichnung in der Lage gewesen wären. Der Wechsel vom Grundsatz „so gut wie möglich" zu der Maxime „so gut wie nötig" wurde von marktwirtschaftlichen Überlegungen bestimmt. Haltbarkeit spielt bei der Produktentwicklung nur in dem Maße eine Rolle, wie sie die Marktfähigkeit des Produkts verbessert. Die Wünsche der das Kulturgut bewahrenden Institutionen bleiben darauf nahezu ohne Einfluß.

Die Bewertung der Haltbarkeit einer fotografischen Bildaufzeichnung kann außerdem je nach Verwendungszweck und Anspruch des Bildnutzers sehr unterschiedlich ausfallen. Übereinkünfte in Form von Normen bestehen lediglich bei Farbfotografien, bei denen man den Zeitraum bis zu einem 20%igen Dichteverlust des am wenigsten haltbaren Farbstoffs ermittelt [1]. In Ermangelung anderer Testverfahren wurden auch die Haltbarkeiten der neuen Ausgabeverfahren für digitale Bilder auf diese Weise ermittelt. Solche Vorhersagen bleiben jedoch auch deshalb problematisch, weil die Qualität der Verarbeitung und die Art der Aufbewahrung sehr ausschlaggebend sind. Erstere kann die Haltbarkeit von Farbfotografien bis zu 60% beeinflussen, die von SW-Fotografien möglicherweise noch darüber hinaus.

Ein genormtes Testverfahren für SW-Materialien wurde bisher nicht publiziert. Die hierfür weiter unten angegebenen Werte sind daher als grobe Schätzungen meinerseits anzusehen. Die Werte für Farbmaterialien gehen auf Henry Wilhelms 1993 veröffentlichte, 744 Seiten umfassende Untersuchung zurück [2]. Der folgende Überblick muß daher unvollständig bleiben und soll lediglich Anhaltswerte liefern.

SW-Fotografien

Das Bild in SW-Fotografien besteht in den meisten Fällen aus metallischem Silber. Diese Silberpartikel werden durch oxidierende Substanzen, Feuchtigkeit und Wärme zerstört: Silberionen spalten sich ab, wandern vom Ursprungsort weg, bilden neue, kleinere Silberkomplexe oder werden zu Oxiden, Sulfaten, Sulfiden, Nitraten und kolloidalem Silber verändert. Die Folge: Der Grundschleier des Fotos steigt geringfügig, und die Farbe des Bildes verändert sich mit der sinkenden Korngröße von Schwarz über Braun nach Gelb bis zur Unsichtbarkeit. Das Bild bleicht aus [3].

Das Bindemittel für die Silberpartikel war bei den Positiven im 19. Jahrhundert überwiegend Albumin (Hühnereiweiß), im 20. Jahrhundert Gelatine. Albumin vergilbt sehr schnell, oft schon nach wenigen Monaten und zeigt heute häufig ein typisches Craquelé, sein Schwefelgehalt fördert darüber hinaus das Verbleichen des Bildes. Gelatine kann Jahrhunderte ohne gravierende Veränderungen überdauern, ist aber bei Luftfeuchtigkeiten über 65% ein idealer Nährboden für Schimmelpilz und Bakterienfraß.

Die fotografischen Trägerpapiere der Silbersalzfotografien müssen aus Verfahrensgründen hochwertig sein und stehen einer langfristigen Archivierung nicht im Weg. Das seit Beginn der 70er Jahre verwendete Polyethylen dagegen kann sich durch Lichteinfluß und Weichmacherverlust zersetzen, was in der Folge auch das Bildsilber schädigt.

Bei Daguerreotypien finden sich schon in der Literatur des letzten Jahrhunderts Hinweise auf Restaurierungsrezepte. Häufigster Schaden ist das Oxidieren der Silberplatte aufgrund beschädigter oder nicht vorhandener Verklebung. Ich habe daher die Haltbarkeit mit ca . 10 bis 50 Jahren angesetzt, bei intakter Verklebung haben die ältesten aller Fotos aber bis heute ohne Schaden überlebt, und es ist zu vermuten, daß uns diese Stücke auch noch eine ganze Weile begleiten werden.

Salzpapier- und Albuminabzüge wurden schon in der Blütezeit ihrer Anwendung wegen ihrer schlechten Haltbarkeit kritisiert. Kaum ein Abzug hat die Zeit bis heute ohne Schaden überstanden. Trotz der in einigen Fällen erhaltenen Bildschwärzung scheinen mir 10 bis 20 Jahre hier angemessen, wenn man das Vergilben des Albumins als gravierende Veränderung einstuft - schließlich waren alle Albuminbilder einmal rein weiß.

Die Gelatine- oder Kollodium-Auskopierpapiere (P.O.P., Aristo- oder Zelloidinpapiere) haben sich insgesamt gesehen zwar besser, aber doch meistens nicht schadlos erhalten. Ihr Träger bleibt durch die Barytschicht weiß, und auch das Kollodium oder die Gelatine vergilben nicht. Das Bildsilber ist trotz standardmäßig durchgeführter Goldtonung nicht vor dem Verbleichen geschützt, doch existieren platingetonte Abzüge in einer Qualität, als seien sie erst gestern aus dem Kopierrahmen gekommen.

Unser heutiges Bromsilberpapier (D.O.P.) wird leider in den meisten Fällen längst nicht mehr so sorgfältig verarbeitet, wie seine Vorgänger. Daß hierdurch die Haltbarkeit ganz besonders beeinflußt wird, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, daß braune Verfärbungen durch schlechtes Fixieren oder Wässern nach dem Zweiten Weltkrieg nicht seltener zu finden sind als bei Bildern aus den 20er Jahren. 50 bis 100 Jahre schienen mir daher angemessen, was sich jedoch um ein Vielfaches verbessern läßt, wenn die Abzüge sorgfältig verarbeitet, getont [4] und gut aufbewahrt werden.

Diese Werte kann auch modernes PE-Papier erreichen, wenn man es im Dunkeln optimal archiviert.

Ohne Verluste werden wir - angemessene konservatorische Behandlung des Trägerpapiers vorausgesetzt - gut verarbeitete Platin- und Pigmentdrucke noch an viele Generationen weitergeben können.

Möglicherweise liegen meine Schätzungen bei den alten Fotopapieren aber auch zu hoch, denn wer weiß schon, wie viele ausgeblichene Bilder bereits weggeworfen wurden und damit die übriggebliebenen in einem zu guten Licht erscheinen lassen?

Farbfotografien

Bei Farbfotografien wird nach Dunkellagerfähigkeit und Lichtbeständigkeit unterschieden. Mit Ausnahme der Thermosublimationsausdrucke erreichen die modernen Farbmaterialien im Dunkeln erstaunlich gute Haltbarkeitswerte. Für Kodachrome-Dias ist diese gute Dunkellagerfähigkeit schon länger bekannt, weniger herumgesprochen hat sich, daß sie am Licht deutlich schneller ausbleichen als ihre Ektachrome-Pendants. Die konventionellen chromogenen Farbpapiere wurden in den letzten Jahren gegenüber den Papieren der späten 70er Jahre (z.B. Agfa Typ 4) stark verbessert. Inzwischen übertrifft die neueste Generation (wie z.B. das Fujicolor-FA3-Papier) im Licht sogar Ilfochrome- (früher Cibachrome) und Kodak-Dye-Transfer-Abzüge.

Dennoch bleibt bis auf die modernen Pigmentdrucke (Ultrastable u.a.) [5] für alle anderen Verfahren, mit denen Farbfotos zu Papier gebracht werden können, das Licht der größte Feind. Die wenigsten Farbfotos, mit denen man sich als junger Mensch in seinem Wohnraum angefreundet hat, werden noch in akzeptablem Zustand sein, wenn man sie mit dem Rentenbescheid in Händen wieder betrachtet.

Filmträger

Beeinträchtigt wird die Haltbarkeit von fotografischen Negativen und Diapositiven auch durch die Instabilität des verwendeten Trägermaterials. So ist bei Glasplatten - abgesehen von der Bruchgefahr - durch Zersetzen der Oberfläche (Glaskrankheit) oder Spannungen zwischen Schicht und Glas ein Ablösen der Emulsion möglich. Die geringe Stabilität und Feuergefährlichkeit von Nitrozellulose ist allgemein bekannt und sogar Gegenstand von Feuerschutzbestimmungen geworden. Doch auch neuere Filmmaterialien, wie Zellulosedi- oder -triazetat beginnen schon kurz nach der Herstellung einen langsamen Abbauprozeß, indem sie Essigsäure freisetzen und schrumpfen („Vinegar-Syndrom"). Lediglich Polyester kann wegen seiner großen mechanischen und chemischen Stabilität als archivfest mit einer Lebenserwartung von wahrscheinlich mehreren hundert Jahren gelten.

Haltbarkeit eletromagnetischer Bildaufzeichnung

Analoge Datenträger (Videobänder)

Videobänder bestehen aus einem beschichteten Trägerfilm, auf dem sich in ein Bindemittel eingebettete magnetisierte Metalloxidpartikel befinden. Als Träger wurde zeitweise Zellulosetriazetat oder auch PVC verwendet, die aber wegen ihrer chemisch/physikalischen Instabilität bald durch Polyester ersetzt wurden. Das Bindemittel aus Polyurethan kann bei zu hoher Feuchtigkeit und Temperatur durch Hydrolyse zerstört werden und Magnetpartikel freisetzen. Außerdem besteht bei schlechten Aufbewahrungsbedingungen die Gefahr eines Verseifens des Gleitmittels, was zu einem Verkleben des Abtastkopfes im Abspielgerät führen kann. Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen erzeugen u.U. enorme Spannungen und Verwerfungen im Bandwickel und in der Folge Verklebungen. Starke Magnetfelder bewirken eine Entmagnetisiserung des Bandes. Der Kopiereffekt kann zur Informationsübertragung auf benachbarte Wickellagen führen.

All dies ließe auf eine sehr geringe Haltbarkeit von Videobändern schließen. Glücklicherweise ist dem nicht ganz so. Obwohl auch hier die Grenzwerte für maximal zulässige Veränderungen (z.B. Drop-outs) nicht festgelegt sind und damit der Toleranzschwelle des Nutzers unterliegen, geht man unter Archivbedingungen [6] z.Z. von mindestens einigen Jahrzehnten aus. Selbst frühe Aufzeichnungen der Fernsehanstalten sind heute oft noch problemlos abspielbar, von einigen Ausnahmen bei bestimmten Materialien abgesehen [7]. Aufwendige professionelle Aufnahme- und Wiedergabesysteme sind durch die besseren Möglichkeiten der Fehlerkorrektur den Heimvideosystemen gegenüber im Vorteil.

Die Haltbarkeit elektromagnetisch gespeicherter Bilder wird jedoch nicht nur durch die chemisch/physikalische Stabilität des Speichermediums bestimmt, sondern auch durch die Verfügbarkeit einer intakten Geräteperipherie. Technische Verbesserungen und Marketingstrategien bescheren uns immer wieder neue Systeme und Normen, angefangen bei PAL, SECAM, NTSC und dem neuen Breitwandsystem über VCR, Betamax, VHS, S-VHS, U-matic Low- und Highband, Betacam usw. Wer kennt heute noch Video 2000? Das Überspielen auf das jeweils aktuelle System ist bei analogen Aufzeichnungen nicht die Lösung, da es jedesmal mit einem Informationsverlust verbunden ist.

Digitale Datenträger

Elektromagnetische Speichermedien (Disketten, Festplatten, Streamerbänder, ZIP-Laufwerke etc.) sind vom Aufbau her ganz ähnlich beschaffen wie Magnetbänder, d.h., die Information wird in einer magnetisierten Metalloxidschicht auf unterschiedlichen Trägern gespeichert. Eine Besonderheit ist die enorm hohe Informationsdichte, die einem Staubkorn bei der Abtastung u.U. die Wirkung eines großen Felsbrockens verleihen kann. Die entstehenden Schäden können sich dann nicht nur in einem vom Videoband bekannten Drop-out (kurzzeitiger kleiner weißer Blitzer in einer Videozeile) äußern, sondern zu einem völligen Signalzusammenbruch führen. Kleinere Informationsverluste gleicht die elektronische Fehlerkorrektur dagegen problemlos aus.

Optische Datenträger

Auch optische Speicher (Bildplatten, CD-ROM, Photo-CD, MO-Laufwerke) reagieren ab einem bestimmten, durch die Möglichkeiten der geräteinternen Fehlerkorrektur bestimmten Maß von Störungen mit einen Totalausfall. In der digitalen Welt geht es eben immer um alles oder nichts ... Bei Bildplatte und CD-ROM (Read Only Memory) können diese Beschädigungen z.B. durch Verletzungen der geprägten Vorderseite oder der den abtastenden Laserstrahl reflektierenden Plattenrückseite eintreten. Sie ist z.B. gefährdet durch Oxidation aufgrund von chemischen oder mechanischen Zerstörungen des Schutzlacks durch ungeeignete Lacke, Filzstifte, Fingerabdrücke, Kratzer etc. Die Kodak Photo-CD (CD-WORM, Write Once Read Multiple) arbeitet mit Farbstoffen, die beim Aufspielen neuer Bilder durch einen IR-Laser ausgebleicht werden. Sie muß daher besonders vor Wärme und IR-Licht geschützt werden.

Bisher gibt es kaum Untersuchungen über die Langzeitarchivierbarkeit dieser Datenträger. Schätzungen reichen von wenigen Jahren bis zu Jahrzehnten oder sogar darüber hinaus, je nach Datenträgertyp und Skepsis oder Zweckoptimismus der Quellen und Testverfahren. Da es im digitalen Bereich aber um eine reine Informationsspeicherung geht, die nicht mehr an eine bestimmte physikalische Form des Trägers gebunden ist, scheint die Frage nach der Haltbarkeit in diesem Fall ohnehin müssig. So stieß meine Frage nach möglichen Problemen bei der Archivierung der digitalen Bilddatenbestände in einer großen Bildagentur zunächst auf Unverständnis: Auch wenn die dort z.Z. benutzten magnetooptischen Laufwerke nur tatsächlich die von der Industrie z.Z. angesetzten 10 bis 20 Jahre halten würden, so könnte man doch davon ausgehen, daß inzwischen längst eine neuere, noch leistungsfähigere Massenspeichertechnologie auf dem Markt wäre, auf die die Daten überspielt würden. Wegen dieser verlustfreien Kopiermöglichkeit könnte man digitalen Bilddaten somit eine unbegrenzte Lebensdauer zubilligen. In den wahrscheinlich oder hoffentlich gut gewarteten Bilddatenbanken kommerzieller Bildarchive oder öffentlicher Einrichtungen mag dies zutreffen. Ob aber unsere Enkel mit den auf dem Dachboden wiederentdeckten, die ersten Zeugnisse digitalen Bildschaffens ihrer Großeltern enthaltenden Speichermedien noch etwas anfangen können, ist mehr als zweifelhaft.

Informationsgehalt und Aussagekraft

Auflösungsvermögen

In technischer Hinsicht läßt sich der Informationsgehalt fotografischer Materialien am ehesten mit deren Auflösungsvermögen beschreiben. Es gibt an, wieviele Linienpaare als unterscheidbare Hell/Dunkelwerte pro Millimeter wiedergegeben werden, bevor alles zu einem einheitlichen Grau verläuft, und wird in Linien pro Millimeter angegeben. Bei fotografischen Filmen ist das Auflösungsvermögen abhängig von der Korngröße des entwickelten Silbers bzw. erzeugten Farbstoffs, von der Schichtdicke und dem Kontrastunterschied zwischen den Linien. Es reicht z.Z. im bildmäßigen Bereich von 350 l/mm bei kontrastreichen SW-Filmen (z.B. Agfaortho 25, Kontrast 1000:1) bis zu 40 l/mm bei hochempfindlichen Farbnegativfilmen und geringem Motivkontrast (z.B. Kodak Ektapress Gold 1600, Kontrast 1.6:1; s. Tab. 1). Wie stark ich solche Negative vergrößern kann, hängt vom Auflösungsvermögen des menschlichen Auges ab, das nur Bilddetails voneinander trennt, die mehr als 1/1000 des Betrachtungsabstands voneinander entfernt sind, bei einem angenommenen Betrachtungsabstand von 30 cm also 0,3 mm oder 3 l/mm.

Tab. 1: Auflösungsvermögen von analogen und digitalen Fotografien (Linien pro Millimeter). --> Text

Vorlage

Kontrast

1000 : 1
1,6 : 1

Agfaortho 25

350
k.A.

Kodak T-max 3200

125
40

Kodak Ektar 25

200
80

Kodak Ektachrome 800

  80
40

Kodak Ektachrome 1600

  63
  32

  300-dpi-Ausdruck

    6
-

  600-dpi-Ausdruck

  12
-

4800-dpi-Ausdruck

  94,5
-

Bei einer zehnfachen Vergrößerung eines perfekten 35-mm-Negativs auf ein Bild von 24x36 cm Größe ergeben sich z.B. für die beiden erwähnten Filme theoretisch folgende minimale Linienabstände:

Agfaortho (Kontrast 1:1000):

0,03 mm

Kodak Ektapress Gold 1600 (Kontrast 1:1,6):

0,25 mm


In diesem Fall sollte also bei beiden Filmen noch kein offensichtlicher Schärfeverlust zu erkennen sein. Tatsächlich ist diese Rechnung viel zu optimistisch, denn sie berücksichtigt nicht die Verschlechterung der effektiven Auflösung durch die Qualität von Kamera, Aufnahmeobjektiv, Vergrößerungsgerät und Vergrößerungsobjektiv. Zumindest bei der Farbvergrößerung wird daher eine gewisse Unschärfe wahrnehmbar sein. Gehe ich näher, z.B. auf 15 cm, an das Bild heran (wahrnehmbarer Linienabstand 0,15 mm), ist die Unschärfe im Farbfoto auch für Personen mit weniger guten Augen deutlich sichtbar.

Da man in der Praxis je nach Filmmaterial bei einer mehr als 6- bis 8fachen Vergrößerung Unschärfen und Farbsättigungsverluste bemerkt, haben sich bis heute in der professionellen Fotografie größere Filmformate erhalten, wie 6 x 6 cm, 9 x 12 cm oder gar 20 x 25 cm (8 x 10").

Digitale Bildaufzeichnung

Die Auflösung digitaler Bilder wird in Pixel pro Inch (ppi) angegeben, was den in der Praxis gebräuchlicheren Dots per Inch (dpi) entspricht. 300 dpi entsprechen z.B. 118 Dots oder Pixel pro Zentimeter und damit einem Auflösungsvermögen von knapp 6 l/mm. Diese Punkte werden aus 30 cm Entfernung nicht, aus 15 cm dagegen durchaus wahrgenommen. Gäbe es nicht auch hier technologisch bedingte Unzulänglichkeiten, würde eine solche Auflösung für Ausgabegeräte oft schon ausreichen. Mit 600 oder 720 dpi bei einem modernen Drucker wird man von der Industrie inzwischen (nach dem Motto: So gut wie nötig ...) jedoch schon ganz gut bedient.

Sollen die durch Scannen gewonnenen Bilddaten allerdings eine vergrößerte Abbildung erlauben, werden wesentlich höhere Auflösungen erforderlich. Hier sind professionelle Trommelscanner gefragt, die z.B. 4064 dpi und mehr auflösen [8]. Aber auch dies entspricht nur 80 l/mm und reicht z.B. nicht für die vollständige Informationsübernahme aus einem feinkörnigen SW- oder Farbfilm (die jedoch in technischer Hinsicht z.B. in der Druckvorstufe auch nicht erforderlich ist).

Farbtiefe

In der klassischen Fotografie können wir die Anzahl der darstellbaren Halbtöne zwischen der materialbedingten minimalen und maximalen Schwärzung als unendlich annehmen. Bei digitalen Bildern muß jeder einzelne Grau- oder Farbwert für jeden Pixel mit einer bestimmten Anzahl von Bits (s.o.) gespeichert werden. Die Menge an Farb- und Helligkeitsinformation, die jedem Pixel oder Dot auf seiner Reise vom Scanner zum Ausgabegerät mitgegeben wird, wird als Farbtiefe bezeichnet.

Bei einer rein schwarz/weißen Vorlage käme man mit 1 Bit pro Pixel aus. Bei einem Graustufenbild lassen sich mit 8 Bit 256 (=28) Abstufungen darstellen, für den Bereich von 257 bis 65.536 Grauwerten benötigt man 16 Bit. 24 Bit sind erforderlich, um die Rot/Grün/Blau-Information eines Farbbildes mit 256 unterschiedlichen Tonwerten pro Farbe aufzuzeichnen. Dieses RGB-Format wird z.B. zum Ausbelichten auf Fotomaterial benötigt. Verdoppelt man die Farbtiefe auf 48 Bit (sog. Supersampling), reicht es bei einem RGB-Bild für 65.536 Abstufungen pro Farbe. Für Ausgabegeräte mit vier Farben, wie Tintenstrahl-, oder Thermotransferdrucker und Offsetdruckmaschinen, braucht man die CMYK-Information (gelb, purpur, blaugrün und schwarz) und eine Farbtiefe von 32 Bit, um 256 Tonwerte darstellen zu können.

Von den immensen Datenmengen, mit denen man es zu tun bekommt, wenn man hochaufgelöste digitale Bilddaten mit großer Farbtiefe verarbeiten möchte, weiß so mancher Computerfreak ein Lied zu singen. Selbst Gigabite-Festplatten sind da schnell überfordert, und die Zeiten allein für das Laden eines Bildes können zu dem Glauben verleiten, man befände sich noch in der Steinzeit der PC-Technologie. (Wahrscheinlich ist es ja sogar so ...) Welche Datenmengen theoretisch für eine nahezu vollständige Übertragung der in fotografischem Aufnahmematerial enthaltenen Information auf digitale Speicher erforderlich wären, zeigen die Tabellen 2 und 3.

Tab. 2: Datenmengen von fotografischen Negativen oder Dias (Scan mit 4800 dpi, ähnliche Vergrößerungsfähigkeit wie das Original, Daten unkomprimiert). --> Text

Tab. 3: Datenmengen von fotografischen Aufsichtsbildern (Scan mit 1200 dpi, zum 1:1-Ausdruck in fotoähnlicher Qualität, Daten unkomprimiert). --> Text

Vorlagengröße

Farbtiefe

Vorlagengröße

Farbtiefe

16 Bit = sw
48 Bit = RGB-Farbe

8 Bit = sw
24 Bit = RGB-Farbe
32 Bit = CMYK-Farbe

24 x 36 mm

  153 MB
    459 MB

  9 x 12 cm

59,9 MB
  178,5 MB
  238 MB

  9 x 12 cm

1900 MB
  5600 MB

18 x 24 cm

  238,1 MB

  714    MB
  953 MB

20 x 25 cm

8700 MB
26000 MB

50 x 60 cm

1600    MB

4800    MB
6600 MB

Die 459 MB für ein einziges 35-mm-Farbdia sind natürlich ein rein rechnerischer Wert, den man nur benötigte, wollte man den Computerausdruck ohne Qualitätsverlust wieder auf die Größe bringen, bei der auch das Originaldia an seine Auflösungsgrenzen gestoßen wäre. Da dies für gerasterte Bilder in der Drucktechnik selten erforderlich ist und sich Bilddaten außerdem durch Komprimierungsprogramme erheblich reduzieren lassen, kommt man in der grafischen Industrie mit wesentlich kleineren Datenmengen aus. Eines belegt dieses Zahlenspiel jedoch sehr anschaulich: Wer seine Negative auf die Kodak Photo-CD bzw. Pro-Photo-CD mit z.Z. maximal 6 bzw. 24 MB für die Speicherung eines Bildes überspielen läßt, verzichtet dabei auf 95% der ursprünglichen Information.

Innere Werte?

Doch beim Scannen von Fotografien bleiben noch andere Dinge auf der Strecke. Als Walter Benjamin 1936 in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" beschrieb, wodurch sich eine Reproduktion vom Originalkunstwerk unterscheidet, verwendete er folgendes Bild: „An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft - das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen."

Diese „Aura" ist es, so Benjamin, die wir auch beim unmittelbaren Kontakt mit einem Kunstwerk spüren. Dessen besonderer Wert besteht Benjamin zufolge in seiner Einzigartigkeit oder „seinem Eingebettetsein in den Zusammenhang der Tradition" und entzieht sich so jeder Möglichkeit einer technischen Reproduktion. Benjamins Begriff des Kunstwerks läßt sich ohne weiteres auf die Fotografie und den Begriff des „historischen Originals" ausdehnen. Solange es sich bei einer Fotografie um ein in den Zusammenhang der Tradition eingebettetes „Original" handelt, verfügt es über eine eigene Aura. Und die geht eben nicht mit durch das Scannerglas ...

Auf die Unmöglichkeit, diese Aura zu reproduzieren, hat z.B. der Kunstmarkt schnell reagiert: Er bewertet „vintage prints", d.h. Abzüge, die in unmittelbarem zeitlichem Kontext mit der Aufnahme entstanden, deutlich höher als „reprints", die zu einem späteren Zeitpunkt angefertigt wurden, auch wenn sie sich optisch nur wenig von den ersten Abzügen unterscheiden, und trägt so dem wichtigen Aspekt der „Originalität" des vom Urheber selbst geschaffenen oder autorisierten Werks Rechnung.

Bei historischen Fotografien mit ausgeprägten haptischen Qualitäten und evtl. altersbedingter „Patina" mag man diese Aura schnell spüren. Sie wird aber zunehmend schwieriger wahrnehmbar, je mehr die Fotomaterialien auf diese haptischen Qualitäten verzichten. Wenn, wie bei digitalen Bildern, die Wahrnehmung nicht mehr an eine durch den Autor festgelegte physikalische Form des Bildes gebunden ist, schwindet auch die Achtung vor der Urheberschaft. Digitale Retusche und Montagen aus mehreren Bildern sind nicht mehr erkennbar. Der Urheberschutz durch die Rechtsprechung wird äußerst problematisch. CAD- und Rendering-Programme ermöglichen fotografiegleiche Bilder, die es in der Realität nie gegeben hat. Alte Fotos erstrahlen in neuem Glanz, ohne Kratzer und in frischen Farben. Marylin Monroe wird auferstehen. Jurassic Parc läßt grüßen. Die Zeit ist aufgehoben.

Beispiel 1: Bei der Lithoherstellung für einen Kalender des Museum Folkwang, Essen, mit Fotografien aus der Zeit der Kunstfotografie der Jahrhundertwende paßte ein Bild aufgrund eines Versehens des Grafikers nicht in das vorgesehene Fenster des Layouts: Der Scanneroperator ergänzte kurzerhand mit Hilfe der elektronischen Retusche die fehlenden Stellen des Gummidrucks. Es war so perfekt, daß wir es nur durch Zufall noch vor der Druckfreigabe bemerkt haben ...

Beispiel 2: Das neue Modell eines japanischen Automobilherstellers soll in Deutschland beworben werden. Der hiesigen Werbeagentur steht ein Foto eines blauen Autos zur Verfügung, eine Farbe, die vom Hersteller für den europäischen Markt jedoch nicht vorgesehen ist. Dank des Computers erscheint der Prospekt wenige Tage später dennoch - mit einem roten Auto.

Beispiel 3: Die Deutsche Presse Agentur (dpa) hat gerade ihr Bildarchiv vollständig auf digitalen Zugriff umgestellt. Der Ausdruck auf Papier ist zwar „noch" möglich, aber bereits die Ausnahme. Erst Tage nachdem das digitalisierte Bild „online" in die Zeitungsredaktionen gewandert ist, kommen die Farbnegativfilme der Fotografen im dpa-Archiv an. Aber nur, um evtl. später noch einmal als Vorlage für ein digitalisiertes Bild mit einem anderen Ausschnitt oder einer anderen Auflösung zu dienen. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta werden erstmals gar keine Filme mehr in den dann voll digitalen Kameras der dpa-Fotografen sein.

Die Sammler werden es wahrscheinlich einmal bedauern. Aber auf diese Bilder von der Datenautobahn sind die Begriffe „vintage" und „reprint" nicht mehr anwendbar. Es wird unerheblich sein, wann und wie sie rezipiert werden, ob auf dem Bildschirm beim Surfen durch das World Wide Web, als Tintenstrahlausdruck, auf Fotopapier oder als Titelbild der Tageszeitung. Sie werden nicht einmal altern. Benjamin ist überholt.

Demnach gibt es in Zukunft keine Originale mehr? Im klassischen Sinne sicher nicht. Und doch - wird in der digitalen Welt nicht alles zum Original? Wir werden den Umgang mit Bildern neu erlernen müssen. Mit der Zuwendung zum digitalen Bild entsteht, für viele sicher noch unbewußt, eine neue Wirklichkeit. Kehren wir an die Anfänge zurück? Zu Platon und seiner Vorstellung von einer reinen Ideenwelt?

Ich bin gespannt, wie ich das meinen jetzt sieben und neun Jahre alten Söhnen einmal erklären werde. Ob sie dann verstehen werden, worum es geht - um alles - oder nichts?

Anmerkungen

[1] ANSI IT9.90. --> Text
[2] Henry Wilhelm: The Permanence and Care of Color Photographs: Traditional and Digital Color Prints, Color Negatives, Slides, and Motion Pictures. Preservation Publishing Company, Grinnel, Iowa, USA 1993. --> Text
[3] K. B. Hendriks in „Imaging Processes and Materials", Neblette's Eighth Edition, New York 1989, S. 645-650. --> Text
[4] Z.B. mit IPI „Silverlock", einem Polysulfid-Toner, der in seiner Effektivität alle klassischen Tonungsverfahren übertrifft. --> Text
[5] In Europa erhältlich über das Atelier Sillages, Marc Bruhat, 91, Quai Panhard et Levassor, F-75013 Paris. --> Text
[6] 35-45% RF und 15-21°C, Umspulen 1x pro Jahr. --> Text
[7] Mündl. Information durch H. Gilles, WDR-Filmarchiv, Nov. 1994. --> Text
[8] Z.B. Optronics ColorGetter II. --> Text

Autor

Klaus Pollmeier absolvierte sein Studium als Fotoingenieur an der Fachhochschule Köln und arbeitete danach als Leiter des Fotolabors der Essener Museen. Er lehrt inzwischen Fotografie am Fachbereich Design der Fachhochschule Anhalt in Dessau und ist freiberuflich im Bereich Fotokonservierung und -restaurierung tätig. Als Redakteur der Fachzeitschrift „Rundbrief Fotografie" betreut er die Rubrik „Konservatorisches". --> Text

Aus: Rundbrief Fotografie, Sonderheft 3, S. 21-26 (auch in N.F. 13, S. 21*-26*).



© bei FOTOTEXT Verlag Wolfgang Jaworek, Stuttgart/DE. Angaben ohne Gewähr. Stand: 31.12.2013. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek